Germany Listening – Eine Vorlesung mit Brendan Simms

Brendan Simms, Professor für die Geschichte der Internationalen Beziehungen im Department of Politics and International Studies der Universität von Cambridge und Chairman des Project for Democratic Union, war am 19. Januar 2019 zu Gast bei “Germany Listening”. Germany Listening ist eine Veranstaltungsreihe, die die Alfred Herrhausen Gesellschaft und das gemeinsame Studienprogramm Master of Arts Internationale Beziehungen der Freien Universität Berlin, der Humboldt Universität und der Universität Potsdam organisieren. Simms sprach zum Thema “The German Question Reloaded: The End of the German Nation State, the Beginning of Europe?”

Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als sei Deutschland ein Musterstaat für die Europäische Union, und das Vereinigte Königreich inmitten des Brexit-Chaos das Gegenteil. In seiner Vorlesung jedoch drehte Brendan Simms diese Betrachtungsweise um und schlug stattdessen vor, dass Deutschland eine britische Herangehensweise annehmen sollte, um den aktuellen Herausforderungen der Europäischen Union zu begegnen.

Um dies zu erläutern, blickte Simms weit zurück in die europäische Geschichte und umriss die speziellen Werdegänge der beiden Staaten. Deutschland, das in gewisser Weise zu einem schwierigen Schicksal verdammt sei aufgrund seiner Größe und geografischen Lage, habe Jahrhunderte als bloßes Objekt europäischer Politik verbracht. Die Nationen hingegen, die später Großbritannien bilden sollten, schafften es, eine gemeinsame politische Struktur zu schaffen, die ihnen zu außergewöhnlicher Macht verhalf.

Diesen Erfolg begründete der Act of Union von 1707, der Schottland eine parlamentarische Vertretung in Westminster einräumte und es so mit England in einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik vereinte. Der Act of Union sei dabei eher ein Ereignis als ein Prozess gewesen: Gleichsam über Nacht hörten die Staaten England und Schottland auf zu existieren, auch wenn beide Nationen bis heute deutlich voneinander abgegrenzt sind.

Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, Deutschland eingeschlossen, hätten viel von ihrer Souveränität aufgegeben. Eine vollwertige parlamentarische Union oder eine entsprechende Vereinheitlichung der Außen- und Sicherheitspolitik fand jedoch nicht statt. Aus diesem Grund könnten keine angemessenen, demokratischen Lösungen gefunden werden, um der Krise der Eurozone, der Einwanderungskrise oder der russischen Aggression in der Ukraine zu begegnen. Für Simms ist die Lösung hierfür offensichtlich: eine volle politische Union der europäischen Staaten, analog der Union Großbritanniens, die 1707 entstand.

Im Gegensatz zu früheren deutschen Politikern wie Franz Josef Strauß, Helmut Kohl oder Joschka Fischer, sagt Simms, hätte Angela Merkel alles in ihrer Macht stehende getan, um dieses Ziel zu begraben. Würde Deutschland voran gehen, würden angesichts dessen Macht und Einfluss die anderen Nationen folgen.

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