Germany Listening: Dingding Chen

Eine Vorlesung von Prof. Dingding Chen, Jinan University, Guangzhou, China

Making America Great Again and the Chinese Dream: Is Germany Caught Between Giants?” Über Deutschlands Lage zwischen den “Giganten” Amerika und China sprach Dingding Chen, Professor für Internationale Beziehungen an der chinesischen Jinan University in Guangzhou und Gründer des Intellisia Institutes (海国图智研究院), in einer Vorlesung am 29. Mai in Berlin. Die Vorlesung war Teil der Reihe “Germany Listening” der Alfred Herrhausen Gesellschaft und des Master of Arts International Relations in Berlin.

Deutschlands aktuelle Rolle in internationalen Angelegenheiten kann nur im Kontext einer sich verändernden Weltordnung analysiert und verstanden werden. Laut Chen sind es vor allem drei Faktoren, die auf einen Wandel der multilateralen Ordnung der Nachkriegszeit hinweisen. Dies seien der Abstieg und Rückzug („decline and retreat“) der Vereinigten Staaten, eine Desintegration der Europäischen Union und der ökonomische Aufstieg von Schwellenländern, allen voran China. Diese Entwicklungen führten dazu, dass sich das globale Kräfteverhältnis ändere. Deutschland und Europa fänden sich dabei inmitten des Wettbewerbs zwischen China und den USA wieder. Von einem Ende der Nachkriegsordnung, ihrer Institutionen und Werte könne jedoch noch nicht die Rede sein.

China befände sich auf dem Weg, die Vereinigten Staaten hinsichtlich ihres Bruttoinlandsprodukts zu überholen und habe das Potential, auch bei Militärausgaben und Technologien aufzuholen. Es spiele dabei zudem eine immer wichtigere Rolle in internationalen Beziehungen. Das Land sei jedoch im Inneren nach wie vor vor große Herausforderungen gestellt. Zentral sei dabei die extreme Armut eines großen Teiles der Bevölkerung. Daher und weil China derzeit noch immer dabei sei, den Umgang mit seinem wachsenden internationalen Einfluss zu erlernen, hielt Chen es für unvorstellbar, dass das Land in der nahen Zukunft die Rolle eines globalen Hegemons einnehmen werde.

Die Europäische Union sei wegen ihrer starken wirtschaftlichen Verflechtung, sowohl mit China als auch mit den USA, vom Handelskrieg zwischen den Weltmächten beeinträchtigt. Dies gelte insbesondere für Deutschland, wo sich die aktuellen Entwicklungen zum Beispiel in Verlusten für die Automobilindustrie niederschlagen. Themen wie die Belt and Road Initiative oder Huaweis 5G-Technologie führten für Deutschland zu Dilemmata zwischen ökonomischer Chance im Geschäft mit China auf der einen Seite und der Pflege traditioneller Verbundenheit mit den USA auf der anderen Seite, so Chen.

Chen bezog sich auch auf das Strategiepapier der EU von 2019, in dem China gleichermaßen als Partner wie als Wettbewerber bezeichnet wird. Er selbst sprach zwar ebenfalls von Rivalität in einigen Aspekten, betonte aber vor allem das Potenzial der Partnerschaft. Eine Kooperation zwischen der EU und China sei nicht nur von beidseitigem wirtschaftlichem Interesse, sondern stütze auch die multilaterale Weltordnung und ihre Regeln insgesamt. Chen betonte, dass Deutschland aufgrund seiner ökonomischen und politischen Stärke eine Führungsrolle in der Gestaltung der Beziehungen zwischen China und der EU annehmen solle. Die Herausforderungen, vor welche die Regierung Trump die EU und China stelle, hätten mitunter auch eine einende Wirkung.

Ein deutsches Bekenntnis zum Multilateralismus könne unter Umständen auch dazu führen, dass andere EU Staaten ihre Beziehungen zu China verbesserten. Deutschland könne weiterhin als Vermittler zwischen China und den Vereinigten Staaten auftreten. Um diese Rolle ausfüllen zu können, müsse die EU jedoch erst ihre internen Herausforderungen meistern. Chen stellt fest, dass die EU sich nach den EU-Parlamentswahlen 2019 an einem Scheideweg befände und sich wieder mehr in Richtung Integration bewegen müsse.

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